Margarete Euler

Künzelsau
SPD

Margarete Euler geb. Polsz (1915-2002) war die erste Frau im Gemeinderat der hohenlohischen Kreisstadt Künzelsau. Von 1968 bis 1975 gehörte sie dem Gremium an.

Margarete Polsz wurde am 28. Januar 1915 in einem Lazarett in Füzesabonyi (Ungarn) geboren und wuchs in Matzdorf (heute Poprad, Slowakei) auf. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester verbrachte sie einen großen Teil ihrer Kindheit in Heimen, da sich die Beziehung zu ihrer Stiefmutter schwierig gestaltete. Margarete Euler war bereits in ihrer Jugend an politischen und emanzipatorischen Fragen interessiert. Sie träumte davon, Pilotin zu werden, was ihr jedoch auch aufgrund eines Sehfehlers verwehrt blieb. Später entschied sich Margarete Euler für eine Ausbildung zur Fürsorgerin, nachdem sie durch die Behinderung ihres Stiefbruders und ihre Kindheit in verschiedenen Heimen mit den Ideen von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie, in Berührung gekommen war. Sie besuchte die Fachschule für Frauenberufe in Troppau (heute Opava, Tschechien) und die soziale Frauenschule in Reichenberg (heute Liberec, Tschechien), wo sie 1937 die Diplomprüfung mit Auszeichnung ablegte. Anschließend arbeitete sie an mehreren Orten in der heutigen Slowakei als Fürsorgeschwester und übernahm hier schon als junge Frau viel Verantwortung. 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, war Margarete Euler an der Organisation der Umsiedlung der Wolga- und Bessarabien-Deutschen in den damaligen Reichsgau Wartheland im besetzten Polen beteiligt. Ende 1944 schaffte sie es, zusammen mit ihrem Vorgesetzten, Frauen und Kinder aus der Zips, damals das Hauptsiedlungsgebiet der deutschsprachigen Bevölkerung in der Slowakei, über den Pass bei Zakopane nach Deutschland zu evakuieren. Auch ihr gelang damit vor dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes und der Neuordnung Osteuropas die Flucht nach Deutschland.

Nach Kriegsende versuchte Margarete Euler mit verschiedenen Tätigkeiten in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Im September 1951 fand sie in Künzelsau eine Stelle als Sachbearbeiterin beim Kreiswohlfahrtsamt, dem heutigen Kreissozialamt. Im selben Jahr heiratete sie Bernhard Euler und wurde im darauffolgenden Jahr Mutter der gemeinsamen Tochter Paula. 1968 schied Margarete Euler als Sachbearbeiterin aus, da sie sich als erwerbstätige Mutter in ihrem Beruf schikaniert fühlte, und gründete in ihrem Künzelsauer Privathaus das „Pflegenest für erziehungsbedürftige Kinder“. In diesem privaten Kinderheim nahm sie bis Ende 1974 insgesamt 15 Kinder auf, die in anderen Heimen als nicht behandelbar galten.

Als Margarete Euler 1968 für die SPD in den Gemeinderat der Stadt Künzelsau gewählt wurde, gehörten dem Gremium 16 Mitglieder an. Bis zur Kommunalwahl 1971 war Margarete Euler die einzige weibliche Mandatsträgerin. 1971 wurde mit Helga Müller, ebenfalls SPD, eine weitere Frau in den Künzelsauer Gemeinderat gewählt. Müller schied jedoch bereits 1973 aufgrund ihres Umzugs aus dem Gremium aus. Nun war Margarete Euler erneut die einzige Gemeinderätin, die neben jetzt 24 männlichen Kollegen die Belange der Künzelsauer Bürger*innen vertrat.

Margarete Euler widmete sich im Gemeinderat mit besonderer Energie sozialen Fragen und Problemen und warb immer wieder um Verständnis und Hilfe für ältere Menschen in der Kommune. Als Vertreterin der Stadt wurde sie 1972 in den Vorstand des Trägervereins für das neugegründete „Haus der Begegnung“, einem Treffpunkt für Senior*innen, entsandt, nachdem sie „aus der Mitte des Gemeinderates“ für diesen Posten vorgeschlagen worden war. Außerdem setzte sich Margarete Euler für die Interessen von Kindern und Jugendlichen ein. So forderte sie bereits 1969, dass Kinder die Möglichkeit haben sollten, mindestens ein bis zwei Jahre lang einen Kindergarten zu besuchen. Mehrmals setzte Euler sich für den Bau von Spielplätzen ein und prangerte immer wieder die Überbelegung der Künzelsauer Kindergärten an. Des Weiteren befürwortete sie die nachmittägliche Öffnung des Jugendheims, um berufstätige Eltern zu entlasten und Kindern aus beengten Wohnverhältnissen einen Freizeitort zu bieten. Dass Margarete Euler eine Pragmatikerin war, zeigte sich beispielsweise an ihrem Vorschlag, aus Kostengründen an der Künzelsauer Musikschule den Musikunterricht mit weniger gefragten Instrumenten einzustellen. Eine Erhöhung der Entschädigung ehrenamtlicher Tätigkeiten lehnte sie mehrmals entschieden ab, da die Finanzlage der Stadt dies nicht zulasse und bei ehrenamtlich Tätigen Idealismus vorausgesetzt werden müsse.

Anhand der Wortmeldungen Margarete Eulers im Künzelsauer Gemeinderat lässt sich ihr Engagement für Themen nachweisen, die der gesamten Stadtgesellschaft förderlich sein sollten. So knüpfte sie ihre Zustimmung für den Bau von Tennisplätzen daran, dass diese für die Allgemeinheit zugänglich sind. Ungewöhnlich für ihre Zeit stimmte Margarete Euler bereits Anfang der 1970er Jahre als einzige Gemeinderätin gegen das Bauvorhaben eines Unternehmens, da sich die betreffende Firma in der Vergangenheit ihrer Ansicht nach wenig umweltfreundlich gezeigt habe und die Abgasanlage der Fabrik die Emissionen auf den Schulspielplatz leiten würde.

Zudem regte Margarete Euler als erste Kommunalpolitikerin die Einführung des „Essen auf Rädern“ in Künzelsau an, um Senior*innen mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen. Sie machte sich für eine öffentliche Toilette im Stadtgebiet stark und brachte bereits vor ihrer Mandatszeit die Idee eines Stadtbusses in die Diskussion ein.

Anlässlich der Gemeinderatswahl 1975 gab Margarete Euler ihr Mandat zurück, um Platz für die jüngere Generation zu machen. Bei ihrer Verabschiedung aus dem Gemeinderat wurde sie in ihrer Funktion als erste Künzelsauer Gemeinderätin mit einem Blumengebinde besonders gewürdigt.

Nach ihrer Zeit im Kommunalparlament war Margarete Euler weiterhin politisch interessiert, zog sich jedoch aus der Öffentlichkeit zurück. Sie war der Meinung, dass sie genügend für die Allgemeinheit geleistet habe. An der Künzelsauer Volkshochschule lernte sie Russisch und schrieb mehrere Briefe an Michail Gorbatschow. Er hatte als Generalsekretär der KPdSU (1985 bis 1991) mit seiner Politik von Glasnost (‚Offenheit‘) und Perestroika (‚Umbau‘) das Ende des Kalten Krieges und der europäischen Teilung eingeleitet.  

Margarete Euler starb 2002 im Alter von 87 Jahren im Seniorenzentrum St. Bernhard in Künzelsau.

Autorin: Kira Wettengel


Quellen:

  • Protokolle der Gemeinderatssitzungen in Künzelsau von November 1968 bis Mai 1975
  • Informationen von Paula Adamaszek (Tochter von Margarete Euler)
  • „Ein Pflegenest schließt seine Pforten“, Hohenloher Zeitung 1974 (ohne genauere Datumsangabe)
  • „Zuwachs für die Senioren-Residenz am Fluss“, Heilbronner Stimme, 4. Mai 2005
  • Personalakte Margarete Euler, Kreisarchiv Neuenstein.

 

Bild: privat                                                                                                   Kira Wettengel


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