Lena Christin Schwelling

Ulm
Seit 2014
Büdnis 90/Die Grünen

Lena Christin Schwelling, Jahrgang 1992, ist seit 2014 GRÜNE-Stadträtin in Ulm.

Warum sind Sie in die Politik gegangen? Gab es einen bestimmten Auslöser oder ein politisches Ereignis?

LS: Ich war 15 Jahre alt, als ich angefangen habe Politik zu machen. Das ist eine spannende Phase im Leben, weil man anfängt zu merken, dass die Welt größer ist als die Schule, die Eltern oder der Verein. Ich habe dann in einem Zeitungsbericht gelesen, dass ein Eisbär verhungert, weil es aufgrund des Klimawandels kein Packeis mehr gibt und damit die Art und Weise wie er jagt nicht mehr funktioniert. Die Erkenntnis, dass unsere Lebensweise Auswirkungen darauf hat, dass so weit entfernt die Natur solchen Schaden nimmt und dieser arme Eisbär verhungert, fand ich so krass, dass ich noch am selben Abend den Onlineantrag für die Grüne Jugend Mitgliedschaft ausgefüllt habe und dann Mitglied geworden bin. Ich habe auch nie überlegt gehabt, ob ich zur SPD oder CDU möchte, sondern es war aufgrund des Klimaschutzes klar, das werden die GRÜNEN.

Sie gehören dem Ulmer Gemeinderat seit 2014 an. Warum haben Sie sich entschlossen 2014 für den Gemeinderat in Ulm zu kandidieren?

LS: Also ich dachte am Anfang auch, dass Kommunalpolitik ein eher langweiliges Thema ist, weil über was diskutiert man: über Müllgebühren, Verkehrsführung und solche Sachen. Dann habe ich mich näher damit beschäftigt, weil mein damaliger Freund – mein heutiger Mann – auch Kommunalpolitik macht und habe dadurch mitbekommen, dass Kommunalpolitik eine viel größere Bandbreite hat und weit über Müllgebühren hinausgeht. Wenn man sich zum Beispiel den Klimaschutz anschaut, dann sieht man, dass man auf kommunaler Ebene einen so enormen Gestaltungsspielraum hat. Das wird deutlich an den Themen Stadtplanung und Energiewende. Wie steuert man Verkehrsströme? Baut man Parkplätze in der Innenstadt? Oder macht man eine reine Busspur? Das hat so viele Auswirkungen auf das Klima. Wenn man wirklich was bewegen will, dann ist das genau die richtige Ebene. Und das hat sich auch sehr bestätigt in den letzten Jahren. Wir schreiben ja keine Gesetze auf kommunaler Ebene und wir diskutieren nicht über Halbsätze in irgendwelchen Positionspapieren, was Politik ja auch oft ist, beispielsweise auf Parteitagen, sondern man beschließt ganz konkrete Maßnahmen und am nächsten Tag werden diese umgesetzt. Auch die direkte Rückmeldung der Bürgerinnen und Bürger, die man auf der kommunalen Ebene natürlich sofort hat, macht das Politikmachen vor der eigenen Haustür sehr spannend.

Sie sind keine gebürtige Ulmerin und auch nicht in Ulm aufgewachsen: Ist das ein Vorteil oder Nachteil, wenn man von außerhalb kommt?

LS: Beides. Wenn man gewählt werden will, ist das erstmal ein Nachteil, weil man noch niemanden kennt. Ich bin 2013 nach Ulm gezogen, davor habe ich in Stuttgart studiert und bin in Tübingen aufgewachsen, war also wirklich neu dort. Der Vorteil ist aber, dass man eine Stadt sehr gut durch die Kommunalpolitik kennenlernt. Alles was die Stadt betrifft, wird in irgendeiner Form im Gemeinderat behandelt. Man hat natürlich auch eine unvoreingenommenere Sichtweise auf eine Stadt, wenn man sie nicht schon immer kennt. Somit ist man an der ein oder anderen Stelle freier zu sagen: Das kann man doch auch anders machen. Man bringt nochmal einen Blick von außen mit. Deshalb ist es sowohl ein Vor- als auch ein Nachtteil.

Die gleiche Frage in Bezug auf Ihr Alter. Sie wurden mit 22 Jahren in den Gemeinderat gewählt, Sie sind jetzt 27: Ist das ein Vorteil oder Nachteil? Wird man von älteren Gemeinderätinnen und Gemeinderäten ernst genommen?

LS: Ich hatte ja auch noch dazu die Schwierigkeit, dass mein Mann schon im Gemeinderat war, als ich reingewählt wurde. Und dann war es am Anfang klar, dass ist die „Frau von“ bzw. damals noch die „Freundin von“. Das war gar nicht so einfach. Ich habe mich dann bewusst für ein nicht typisch frauenpolitisches Thema entschieden: die Haushalts- und Finanzpolitik. Und in der Sommerpause, bevor die Arbeit des Gemeinderates wirklich losgeht, habe ich mich dann in das Thema eingearbeitet und mir auch Hilfe von der Stadtverwaltung geholt. Als ich dann meine erste „große“ Rede, die Haushaltsrede, also die wichtigste Rede, die man in einem Gemeinderatsjahr hält, gehalten habe, als „Küken“ und Neuling, aber die Rede sehr fundiert und gut war, dann ist die Stimmung total gekippt. Es war nun klar: Die kennt sich fachlich aus, die hat sich in sehr kurzer Zeit in eine komplexe Materie eingearbeitet und die hat auch den Mut öffentlich zu reden.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit im Gemeinderat?

LS: In Ulm ist die Besonderheit, dass wir sehr kollegial sind und gut miteinander umgehen können. Politisch ist man sich natürlich nicht immer einig und es kann auch im Gemeinderat sehr hart zu Sache gehen, aber hinterher geht man trotzdem zusammen im Ratskeller ein Viertele trinken. Man schätzt sich auch auf einer menschlichen Ebene und das hat mir persönlich auch sehr geholfen, weil man merkt: All die anderen 39 sind genauso Leute, die ihre Freizeit opfern und die die politische Arbeit aus demselben Antrieb machen, nämlich weil sie etwas Besseres für Ulm erreichen wollen. Man ist aus denselben Gründen da und das hilft, um miteinander gut klar zu kommen.

Aber auch nicht nur innerhalb des Gemeinderates, sondern auch mit der Verwaltung hat man in Ulm eine sehr gute Beziehung. Die Verwaltung sieht den Gemeinderat nicht als etwas, was den Arbeitsalltag stört, sondern empfindet ihn als eine Bereicherung und macht sehr viel mehr an Beteiligungsformaten mit, als das üblich ist.

Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich?

LS: Klimaschutz, Stadt der Zukunft und Finanzen sind meine Schwerpunktthemen.

In welchen Ausschüssen sitzen Sie aktuell?

LS: Ich bin im Hauptausschuss (Finanzen, Personal, Liegenschaften) und im Bauausschuss, der heißt bei uns „Ausschuss für Stadtentwicklung, Bau und Umwelt“. Ich bin deshalb im Bauausschuss, weil Klimaschutzthemen in der Regel dort behandelt werden. Es ist eher ungewöhnlich, das man in zwei so großen Ausschüssen ist. Die Kombination Haupt- und Bauausschuss hat viele Vorteile, es ist aber auch nicht so einfach gewesen, dass in der Fraktion durchzubringen. Ich bin noch im Aufsichtsrat der Stadtwerke, der bei uns auch für den ÖPNV zuständig sind und natürlich kann man die Energiewende nirgends so gut gestalten wie mit den Stadtwerken.

Was für politische Ziele haben Sie erreicht?

LS: Mit das Wichtigste in den letzten fünf Jahren war die neue Straßenbahnlinie. Die Straßenbahnlinie 2 in Ulm verbindet jetzt einen Stadtteil quer durch die Stadt mit einen anderen Stadtteil. In Ulm gab es davor nur eine Linie. Die Menschen fahren allerdings viel lieber Straßenbahn als Bus. Die Straßenbahn ist auch viel effizienter und ökologischer. Daher ist es auch einfach attraktiver dann mit dem ÖPNV zu fahren und eben nicht mit dem Auto. Das war auf jeden Fall eine ganz große Errungenschaft der letzten Jahre.

Wenn man als Kommunalpolitikerin durch die Stadt läuft, kann man natürlich zu vielen Baustellen sagen: Da haben wir das und das beschlossen und auch gewollt. Manchmal scheitert man aber auch. Wir bauen jetzt vor dem Bahnhof, vielmehr unter dem Bahnhofsvorplatz, ein riesiges Parkhaus. Das war für mich immer ein Thema, bei dem ich gesagt habe: Das brauchen wir nicht. Es ist wahnsinnig teuer, weil Tiefgaragen sind immer unglaublich teuer. Es bringt mehr Verkehr in die Stadt, denn wenn Parkplätze da sind, dann kommen die Leute auch mit dem Auto. Und überhaupt wissen wir nicht, wie die Mobilität der Zukunft aussieht und ob das Auto überhaupt noch so eine Rolle spielen wird wie heute, erst recht in der Innenstadt. Meine Stadt der Zukunft ist eigentlich eher eine autofreie Stadt. Aber bei der Parkhausentscheidung sind wir eben gescheitert – relativ knapp – und jetzt wird das gebaut. Das ist dann schon jedes Mal ein bisschen schmerzhaft, wenn man am Bahnhof ankommt und die Baustelle sieht. Aber das gehört auch dazu, dass man nicht immer Erfolge hat.

An was arbeiten Sie aktuell im Gemeinderat?

LS: Jetzt ging es erst richtig wieder los mit der Gemeinderatsarbeit und ein wichtiges Projekt für die nächste Zeit wäre die Einführung eines 365-Euro-Tickets. Für einen Euro am Tag soll man den gesamten ÖPNV in Ulm nutzen können. Das ist aber aus vielen Gründen schwierig. Man braucht eine Menge Überzeugungsarbeit und muss die anderen Fraktionen, die Verwaltung und auch die Nahverkehrsgesellschaft mit ins Boot holen.

Die Haushaltsplanberatungen zeichnen sich auch wieder ab, was viel Arbeit bringen wird. Und natürlich träumen wir von der Straßenbahnlinie Nummer 3. Es gibt immer noch Stadtteile, die keinen Straßenbahnanschluss haben. Das ist aber auch ein Thema, bei welchem man einen langen Atmen braucht. Von der Idee bis zum tatsächlichen Fahren der Straßenbahn kann es locker 10 bis 12 Jahre dauern.

Wie ist die Vereinbarkeit von Familie und Politik? Ihr Mann ist ebenfalls im Gemeinderat: Kann man dann überhaupt noch von der Politik abschalten?

Ich hab mir kürzlich mal genau angeschaut, wie viel meiner Zeit ich in einer durchschnittlichen Woche eigentlich womit verbringe: Drei Viertel meines Lebens gehen für Arbeit, Studium und Politik drauf. Und die Politik hat dabei über ein Viertel ausgemacht. Das ist schon krass, wenn man bedenkt, dass ich das alles im Ehrenamt mache. Ich arbeite auch nicht Vollzeit, sondern nur zu 75 Prozent, weil ich das sonst auch nicht unter einen Hut bringen könnte, vor allem mit zwei Städten wie Ulm und Stuttgart. Man lässt eben auch viel Zeit auf der Strecke, die kann man zwar nutzen, um Sitzungsunterlagen zu lesen, aber trotzdem ist das ein zusätzlicher Zeitkiller. Und ganz ehrlich, da ist der Anteil an Privatleben in dem Sinne ist schon sehr gering. Das muss man sich hart erarbeiten und langfristig planen. Politik ist bei meinem Mann und mir immer ein Thema. Wir haben uns vor 12 Jahren im Landesvorstand der Grünen Jugend kennengelernt. Die Politik, also der gemeinsame Einsatz für eine bessere Welt, das ist aber auch eine sehr schöne Verbindung. Deswegen gibt es auch am Abendbrottisch oft politische Themen – aber nicht nur.

Bei den Gemeinderatswahlen 2014 haben Sie auf dem Listenplatz 3 kandidiert und waren nun bei den Gemeinderatswahlen 2019 Spitzenkandidatin der Grünen. Wie kam es dazu?

LS: 2014 war es insofern einfach, weil Platz 3 und 4 bei uns traditionell für Leute reserviert sind, die noch nicht im Gemeinderat sind. Ich hatte damals aber auch eine Kampfkandidatur. Bei uns sind die ungeraden Plätze Frauenplätze und die geraden Plätze sind offene Plätze, auf denen Frauen und Männer kandidieren können. Deshalb gibt es auf den Frauenplätzen auch echt selten Kampfkandidaturen, aber mir war es einfach sehr wichtig in den Gemeinderat zu kommen und Platz 3 ist natürlich aussichtsreich. Deshalb habe ich mich auch getraut gegen unsere Kreisvorsitzende anzutreten und schließlich gewonnen.

2019 stellte sich die Frage, wer eigentlich Spitzenkandidatin wird. Ich hatte für mich schon entschieden, dass ich das nicht brauche. Ich dachte mir: Ich kann auch auf Platz 5 gehen, ich habe mir in den fünf Jahren ein ordentliches Renommee erarbeitet, die Leute kennen mich, haben oft meinen Namen in der Zeitung gelesen, ich werde wahrscheinlich auch von einem Platz weiter hinten gewählt. So bin ich auch in die Gespräche reingegangen, die man im Vorfeld von so einer Listenaufstellung führt. Unser Landtagsabgeordneter, unser Kreisvorstand und sogar meine direkten Konkurrentinnen aus der Fraktion kamen allerdings auf mich zu und sagten: Wir fänden das gut, wenn du das machst. Einfach als Zeichen, dass wir bei den GRÜNEN eine junge Frau weit nach vorne stellen. Das fänden wir als Signal an die Bürgerschaft gut. Wir haben das Vertrauen in dich, dass du das machst. Vielleicht war das wieder so eine typische Frauengeschichte. Ich habe das nicht von mir aus forciert, sondern wurde im Grund gebeten, es zu machen. Es war dann für mich aber auch sofort klar, wenn ich dieses Vertrauen entgegengebracht bekomme, dann nehme ich das gerne an, auch wenn es mehr Arbeit bedeutet. Aber natürlich auch Spaß. Wahlkampf ist immer eine sehr anstrengende, aber auch eine sehr schöne Zeit.

Das wurde dann auch von der Bürgerschaft honoriert. Sie wurden mit 25.706 Stimmen gewählt und waren damit „Stimmenkönigin“.

LS: Im Vergleich zu den Wahlen vor fünf Jahren war das ein krasser Zuwachs, mehr als doppelt so viele Stimmen habe ich bekommen und das hatte ich nicht erwartet. Man gefällt ja auch in den fünf Jahren nicht jedem. Ich dachte eher, ich bin froh, wenn ich wieder reinkomme. Wo ich dann der Gesamtliste lande, das ist nicht so wichtig. Dass es aber so ausging, freut mich natürlich sehr. Ich glaube, man merkt, dass sich so ein bisschen was geändert hat in der Politik. Julia Mies, meine Fraktionskollegin und ebenfalls eine junge Frau, wurde auch sehr weit nach vorne gewählt. Insgesamt sind wir in der Fraktion drei sehr junge Frauen unter 30 Jahren. Clarissa Teuber ist erst 22 Jahre alt. Dadurch wird der Gemeinderat auch vielfältiger. Gleichzeitig kann man das aber nicht wirklich für alle Fraktionen sagen. Man hat bei der letzten Wahl gemerkt, dass die „Fridays for Future“-Generation zur Wahl gegangen ist und gesagt hat: Wir wollen junge Leute und zwar die, die sich für den Klimaschutz einsetzen. Es ging somit auch nicht so sehr um meine Person, sondern junge Grüne zu wählen, das entsprach auch einfach dem Zeitgeist.

Sie sind vor Kurzen in den Landesvorstand der Grünen in Baden-Württemberg gewählt worden: Können Sie sich Ihre weitere politische Zukunft auch auf Landes- und Bundesebene vorstellen?

LS: Das ist so ein bisschen die Gretchenfrage, die man sich auch selber stellt, wenn man Politik macht. Im Moment kann ich mir das noch nicht vorstellen, weil ich diese Freiheit, die so ein Ehrenamt mitbringt, wahnsinnig schätze. Das war bei der Grünen Jugend so, das ist auch im Gemeinderat so. Ich bin nicht abhängig von der Politik. Ich kann also sagen, was ich denke und muss nicht daran denken, dass ich unbedingt wiedergewählt werden muss. Weil das eben nicht der Job ist, von dem ich lebe, sondern das ist, was ich in meiner Freizeit mache. Im Landesvorstand bin ich vor allem, um auch auf Landesebene die kommunalen Themen stärker zu setzen. Viel was die Landesebene entscheidet, wirkt sich direkt auf die Kommunen aus. Wenn wir schon in der wunderbaren Lage sind, auf Landesebene so viel zu entscheiden zu können, dann ist es auch wichtig, dass eine grüne Stimme da ist und sagt: Hey, hier brauchen die Kommunen aber jenes. Oder: Damit haben wir vor Ort ein Problem, wenn das so beschlossen wird. Das Kommunalpolitische ist mein Antrieb auch auf Landesebene Politik zu machen.

Haben Sie ein Vorbild?

LS: In der Schule hatte ich Vorbilder, die sind aber ganz unpolitisch gewesen. So ein konkretes politisches Vorbild hatte ich nie. Wen ich sehr beeindruckend fand und nach wie vor finde, ist Ivo Gönner, den ehemalige Ulmer Oberbürgermeister, der 24 Jahre lang im Amt war. Er hat in meinen Augen vieles richtig gemacht, was wichtig für die Kommunalpolitik ist, wie zum Beispiel in Sachen Bodenständigkeit und Offenheit. Wenn er durch die Stadt geht, dann immer mit offenen Augen und Ohren. Er hört sich alle Anliegen an und zwar egal, von wem. Er hat Kommunalpolitik total gelebt, immer die Sache an erster Stelle gestellt und immer versucht, das Beste für die Stadt herauszuholen. Wenn ich es hinkriege, mit so einer Haltung auch durch mein politisches Leben zu gehen, dann wäre ich sehr zufrieden. Auch immer ansprechbar zu bleiben und nicht abzuheben. Das ist auch etwas, was einem die Kommunalpolitik leicht macht, weil man nicht in irgendeiner Blase verschwindet, wie das vielleicht eher in Berlin passieren kann. Man hat immer Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern.

Gab es einen Zeitpunkt in Ihrem Leben, als Sie mit Ihrem politischen Engagement aufhören wollten?

LS: Ich habe sogar eine Zeitlang aufgehört damit. Das war in der Zeit rund um mein Abitur. Davor war ich im Landesvorstand der Grünen Jugend und hatte keine Lust mehr in Schlafsäcken in irgendwelchen Schulturnhallen zu schlafen, die ganze Zeit so viel unterwegs zu sein und wollte mehr Zeit für mich haben. Mit dem Beginn meines Studiums habe ich aber gemerkt, dass mir das Politische fehlt. Das Gefühl, etwas verändern zu können in der Welt, auch wenn es nur ganz kleine Sachen sind, das gibt einem so viel mehr zurück als man investiert. Deshalb war klar: Ich muss das wieder machen.

Wofür interessieren Sie sich außerhalb der Politik?

LS: Eine Herausforderung ist, sich nicht zu viel zuzumuten. Man muss auf sich Acht geben, damit man auch die Kraft hat das alles zu bewältigen. Ein sehr guter Ausgleich ist für mich alles was mit Bergen zu tun hat. Ich habe im Sommer eine Alpenüberquerung gemacht mit einer Frauengruppe, das hat sehr viel Spaß gemacht. Auch habe ich angefangen zu klettern. Da kommt man sehr gut zu sich und hat Kraft für den nächsten Tag.

Gibt es ein Netzwerk von Frauen im Gemeinderat? Arbeiten Sie beispielsweise auch mal überfraktionell zusammen?

LS: Ja, das gibt es. Nach der letzten Kommunalwahl 2014 waren wir 19 Frauen von insgesamt 40 Gemeinderätinnen und Gemeinderäten. Das war schon fast paritätisch und ein Novum in der Geschichte des Ulmer Gemeinderates. In der Folge davon haben wir uns auch zusammengeschlossen. Auch im Vorfeld der Wahl haben sich die Frauen, die kandidiert haben, immer wieder getroffen. Es gibt eine Initiative, die beim Frauenforum und beim Frauenbüro mit dem Namen „Frauen in den Gemeinderat“ angesiedelt ist. Das ist ein überfraktioneller Arbeitskreis, der gemeinsam Wahlkampf macht und dazu aufruft, Frauen zu wählen, was schließlich auch gut funktioniert hat. Diesen Arbeitskreis gibt es eigentlich immer. Er bereitet auch bestimmte Themen vor, wie zum Beispiel das Jubiläum des Frauenwahlrechts. Es gab dazu einen fraktionsübergreifenden Antrag von allen Frauen, das gebührend zu feiern und eine Publikation herauszubringen. Gerade bei solchen Themen funktioniert die Zusammenarbeit sehr gut. Bei Fragen wie Straßenbahnen, Radwegen oder Parkhäusern natürlich nicht, da sind politische Haltungen dann einfach entscheidender als das Geschlecht und das ist ja auch richtig so.

Aktuell sind 18 Frauen und 22 Männer im Ulmer Gemeinderat, der Frauenanteil ist damit ähnlich so hoch wie bei der Wahl 2014 mit 19 Frauen. Damit liegt er deutlich höher als der landesweite Durchschnitt von Kommunalpolitikerinnen nach den Kommunalwahlen 2019 in Baden-Württemberg von 26,8 Prozent. Gibt es dafür einen bestimmten Grund, warum Ulm diesen hohen Frauenanteil hat?

LS: Der Frauenanteil im Landtag sowie auf Kommunalebene in Baden-Württemberg ist beschämend. Warum es in Ulm besser läuft, liegt zum einen daran, dass es in einer großen Stadt immer ein bisschen einfacher ist als auf dem Land Frauen für die Listen zu finden und zum anderen an langfristiger Planung. Es macht natürlich auch einen Unterschied, ob die GRÜNEN mit einer festen Frauenquote stark im Rat vertreten sind oder nicht. Von den elf Grünen im Ulmer Gemeinderat sind nur vier Männer und der Rest sind Frauen. Aber auch der bereits erwähnte Arbeitskreis spricht in Ulm schon sehr früh Frauen an, um sie zur Kandidatur zu ermutigen, egal auf welcher Liste dann. Vor der letzten Wahl hatten wir beispielsweise Empowerment-Veranstaltungen. Wir als amtierende Stadträtinnen haben bei diesen Veranstaltungen erzählt, was für Aufgaben, aber auch was für Freude so ein Amt mit sich bringt und schließlich gezielt Frauen angesprochen, ob sie sich nicht vorstellen könnten zu kandidieren. Das bewirkt schon viel.

Warum sind Ihrer Meinung nach generell so wenige Frauen im Gemeinderat vertreten?

LS: Es hat viel damit zu tun, dass die Zeiten, in welchen man Kommunalpolitik macht, oftmals die Familienzeiten sind. Und häufig ist die Rollenverteilung noch so, dass die Frau sich um das Abendessen kümmert und die Kinder abholt. Somit ist das auch ein Stück weit ein Spiegel der gesellschaftlichen Realität. Ansonsten ist es wie in vielen anderen politischen Funktionen, dass Frauen – aus welchen Gründen auch immer – sich das nicht so zutrauen und auch nicht von sich sagen: Ich stehe gerne in der Öffentlichkeit. Ich glaube, dass meine Meinung wichtig ist und dass sie gehört werden muss. Frauen zweifeln viel mehr an sich als Männer. Kann ich das? Das ist glaube ich eine Frage, die sich jede Frau irgendwann stellt, die für ein politisches Amt kandidiert. Deshalb braucht man Vorbilder und Leute, die einen empowern und sagen: Ja, trau dir das zu, du kannst das! Ich habe auch selbst oft erlebt, dass das einem sehr viel gibt und war dann jedes Mal froh, dass ich mich getraut habe zu kandidieren. Sicherlich hätte ich das an vielen Stellen nicht gemacht, wenn ich nicht ermutigt worden wäre.

Gibt es Ihrer Meinung nach Maßnahmen, die zu einer höheren Beteiligung von Frauen in Gemeinderäten führen könnte?

LS: Die Quote ist ja immer ein schwieriges Thema. Aber es zeigt sich in der Praxis, dass die Quote ein Instrument ist, mit dem man wirklich sicherstellen kann, dass Frauen auch die Hälfte der Macht in den Gemeinderäten oder den Parlamenten haben. Deshalb würde ich auch nie sagen, dass es schlimm ist, wenn mich jemand als „Quotenfrau“ bezeichnet, weil das bin ich natürlich. Ich habe schließlich auf einer quotierten Liste auf einem Frauenplatz kandidiert. An vielen Punkten in meiner politischen Biographie war es auch die Quote, die es mir erst ermöglicht hat, Verantwortung zu übernehmen. Deshalb ist eine Frauenquote definitiv ein wirkungsvolles Instrument und auch das frühzeitige Ansprechen und das Ermutigen, am besten durch Frauen, die schon im Gemeinderat sind.

Unterschiedet sich die Arbeit von Frauen und Männern im Gemeinderat?

LS: Ja. Das merkt man beispielsweise bei Redebeiträgen. Ich habe das Gefühl, dass Frauen häufig strukturierter und mehr zur Sache sprechen. Wenn sie sich zu Wort melden, merkt man, dass sie vorbereitet sind, sich überlegt haben, was und wie sie es sagen wollen. Wir haben ein paar Kandidaten im Gemeinderat, die eher ins Schwafeln kommen, sich spontan zu Wort melden und schlussendlich einfach mal alles sagen, was ihnen durch den Kopf geht. Das sind keine Frauen. Ich hab auch das Gefühl Frauen sind auch sehr fair im Miteinander. Die Herren werfen sich hingegen regelmäßig vor, die entsprechenden Unterlagen nicht gelesen oder verstanden zu haben. Persönliche Angriffe oder deutliche Kritik an anderen, das habe ich von Frauen noch nie gehört im Gemeinderat. Das hat vermutlich auch damit zu tun, dass wir diesen Arbeitskreis haben und uns regelmäßig treffen, was ein größeres Verständnis füreinander geschaffen hat. Dann spielen auch die parteipolitischen Überzeugungen oftmals eine geringere Rolle. Wir begegnen uns eben auch mal ohne eine Parteibrille.

Welche Fähigkeiten sind wichtig für Gemeinderätinnen?

LS: Geduld. Wenn man ein Anliegen hat, dann kann es schon mal über Jahre dauern bis das Wirklichkeit wird. Auch sich nicht entmutigen zu lassen, dranzubleiben, also Durchhaltevermögen zu haben, ist entscheidend. Und die Fähigkeit aus den Fehlern anderer und den eigenen Fehlern zu lernen. Aber allem voran Mut, weil man es sich immer erstmal trauen muss, eine Rede zu halten, einen Antrag zu schreiben, eine Aktion zu machen und überhaupt zu kandidieren. Das alles erfordert Mut.


Nachweise:

Foto: Jochen Detscher

 


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