Elsi Ascher-Schütz

Mühlacker
1946-1947
Parteilose Stadtgruppe

Elsi Ascher-Schütz war die erste Gemeinderätin auf dem Gebiet des heutigen Enzkreises und eine gebürtige Schweizerin, die in der NS-Zeit zusammen mit ihrem jüdischen Mann und ihren beiden Töchtern Schweres erdulden musste. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, sich in der Nachkriegszeit für die Belange des Wiederaufbaus in Mühlacker einzusetzen.

Elsi Ascher-Schütz wurde als jüngere Tochter des Lehrers und Liedkomponisten Peter Gottlieb Schütz und seiner Frau Julie, geb. Yosie, am 23. August 1895 in Thun geboren und befreite sich durch den Besuch des Lehrerinnenseminars in Bern schon früh von ihrem als einengend empfundenen Zuhause. Die intelligente junge Frau wurde 1914 Primarlehrerin in Bönigen bei Interlaken und bewohnte zusammen mit einer Kollegin eine alte Mühle.

Elsi Schütz, die sich durch intensives Eigenstudium große Kenntnisse in Literatur und Soziologie erwarb, unternahm in dieser Zeit häufig Wanderungen mit Gleichgesinnten, zu denen auch Dichter wie Hermann Hesse und russische Künstler gehörten. 1919 lernte sie über ihren älteren Bruder dessen Studienfreund Fritzmartin Ascher kennen. Er stammte aus einer jüdischen Apothekerfamilie in Mannheim und war als deutscher Kriegsfreiwilliger des Ersten Weltkrieges in französische Gefan­genschaft geraten und in der Schweiz interniert worden. Die junge Lehrerin konnte ihren deutsch-konservativen Verlobten schon bald durch ihre Naturver­bundenheit und die Anthroposo­phie Rudolf Steiners beeinflus­sen.

Doch Elsi zögerte nach ihrer Heirat im April 1925 die Übersiedlung nach Villingen, wo Dr. Ascher bereits als Lehrer arbeitete, hin­aus, weil sie das Heimatland ihres Mannes recht kritisch sah und ihre Pensionsansprüche in der Schweiz nicht ohne weiteres aufgeben wollte. Als ihr Mann 1927 eine Stelle als Gymnasialprofessor in Pforzheim erhielt, zog die Familie, zu der inzwischen eine kleine Tochter gehörte, dorthin um. Auch Elsi Ascher-Schütz fühlte sich hier bald wohl, besonders nach der Geburt der zweiten Tochter 1930.

Die Herrschaft des Nationalsozialismus warf die Lebensplanung der Aschers vollkommen um. Als 1935 Fritzmartin Ascher durch die NS-Rassengesetze seine Anstellung verlor, fand er einige Zeit bei der ebenfalls jüdischen Fabrikantenfamilie Em­rich in Mühl­acker sowohl eine neue Stelle als auch eine Wohnung für seine Familie. Diese musste aber nach der Reichskristallnacht 1938 und der folgenden Enteignung der Emrichs für eine heruntergekommene Behausung in der Hindenburgstraße aufgegeben werden.

Elsis Mann konnte zwar von 1936 bis 1939 in einer jüdischen Privat­schule in Danzig unterrichten, war danach aber auf niedrige Hilfstätigkeiten bei einem Friedhofsgärtner in Mühlacker angewiesen. Elsi Ascher-Schütz, die bei ihrer Heirat ihre schweizerische Staats­angehörigkeit aufgeben musste, arbeitete in der Landwirtschaft und baute auf einem kleinen Acker Gemüse an, um das Familieneinkommen aufzubessern. Seit 1944 hatten sie und ihre ältere Tochter schwere Keramikbausteine in Güterwagen zu verladen. Die drohende Deportation ihres Mannes konnte wegen seines schlechten Gesundheitszustandes durch ein ärztliches Attest gerade noch verhindert werden, und mit dem Kriegsende im April 1945 war für die Familie das Schlimmste überstanden.

Dr. Fritzmartin Ascher war von Juni 1945 bis zum Februar 1947 Mühl­ackers erster Nachkriegsbürgermeister. Bei den Gemeinderatswahlen im Januar 1946 ließ sich auch seine Frau Elsi für die „Parteilose Stadtgruppe“ als Kandidatin aufstellen und wurde 27 Jahre, nachdem das Frauenwahlrecht eingeführt worden war, als erste Frau in den Mühlacker Gemeinderat gewählt, dem sie bis zum Ende der Wahlperiode im Dezember 1947 angehörte.

In dieser Zeit fanden 37 Sitzungen mit 380 Beschlüssen statt. Die vordringlichsten Aufgaben waren neben der Unterbringung der Flüchtlinge, dem Bau einer neuen Brücke sowie der Einstellung von politisch unbelastetem Per­sonal die Wiedereinglie­derung der Kriegs­teilnehmer und die Versorgung der Bevölkerung mit allen lebens­wichtigen Gütern. Elsi Ascher-Schütz, die sehr sozial und aufgeschlossen war, betätigte sich in den Ausschüssen für Wohnungsfragen und Soziales sowie im Ortsausschuss für Flüchtlinge und Vertriebene.

Gleich in ihrer ersten Gemeinderatssitzung stellte sie die Frage nach der Entlassung der deutschen Kriegsgefangenen, und im Januar 1947 setzte sie sich für eine zweite Hebammenstelle im städtischen Entbindungsheim ein, woraufhin der Gemeinderat einen entsprechenden Antrag beim Land­ratsamt stellte.

Bei den nächsten Gemeinderatswahlen kandidierte sie zwar erneut, wurde aber nicht mehr gewählt. Trotz der kurzen Stadtratstätigkeit war ihr Einsatz wegweisend, denn erst 1962 zog mit Charlotte Kussbach in Lienzingen wieder eine Frau in den 28 Kommunen des heutigen Enzkreises in einen Gemeinderat ein.

Als ihr Mann 1947 als neuer Landrat nach Waiblingen wechselte, blieb Elsi Ascher-Schütz, die mit ihm ein gleichberechtigtes Verhältnis pflegte, weiter in Mühlacker, weil hier ihre Wohnungssituation besser war und sie inzwischen am Gymnasium Französisch unterrichten konnte. Erst als Ascher Direktor am Crailsheimer Gymnasium wurde, zog sie dorthin. Ihr Mann starb 1975, Elsi Ascher-Schütz am 7. März 1976.


Nachweise:

Foto: Privat


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